Deutsche Schostakowitsch Gesellschaft e.V.
Dmitri Schostakowitsch, 25. September 1906  ─  9. August 1975


Buchvorstellung bei den 17. Internationalen Schostakowitsch Tagen Gohrisch

„Zu zweit“: ein einzigartiges Zeitdokument

Elena Yakovich: Foto: © Alexander Minaev

„Gohrisch ist für mich ein großes Erlebnis“ schwärmte die in Moskau geborene und mittlerweile in Tel Aviv lebende Filmemacherin und Autorin Elena Yakovich zu Beginn der Vorstellung ihres Buches „Zu zweit. Irona Antonowna Schostakowitsch – Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch“. Bereits zum zweiten Mal war sie bei den Internationalen Schostakowitsch Tagen zu Gast. 2024 stellte sie in der Sächsischen Schweiz ihren 2022 in die Kinos gekommenen Dokumentfilm „Two. The Story of Shostakovichs Wife“ vor. Nun war das darauf aufbauende Buch „Zu zweit“ an der Reihe, das allerdings weit mehr ist, als eine bloße Verschriftlichung des Filmes, sondern Irina Antonownas vollständigen Bericht mit einigen kommentierenden Abschnitten der Autorin enthält. Große Teile des Gesprächs, das sie  im Mai 2021 mit Irina in deren Datscha in Zhukowka führte, konnten im Film nicht berücksichtigt werden. An der Buchvorstellung, die von Alexander Gurdon, dem stellvertretenden Präsidenten der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft, einfühlsam-souverän moderiert wurde, nahmen neben Elena Yakovich auch der Verleger Arnt Cobberts und die Weltklassepianistin Elisabeth Leonskaja teil, die von ihren eigenen Begegnungen mit Schostakowitsch berichtete.

Die Vorgeschichte des Buches war lang, erläuterte Elena Yakovich, die Irina Antonowa das erste Mal vor zehn Jahren im Schostakowitsch-Archiv in Moskau traf, um von ihr die Erlaubnis zu erhalten, Musik von Schostakowitsch für einen ihrer Filme verwenden zu dürfen. Die erhielt sie zwar bereitwillig, doch den Vorschlag, auch einen Film mit ihr zu machen, lehnte sie ab. Einige Jahre später, auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie, sagte Iriana Antonwna im Verlauf eines Telefonats resigniert: „Ich sitze zu Hause, mir ist langweilig und es ist Zeit zu sterben.“ Elena Yakovich erwiderte: „Warte mit dem Sterben, lass uns einen Film machen“. Und zu ihrer Überraschung willigte die Witwe Schostakowitschs spontan ein. Wenig später kam es dann zu der denkwürdigen Begegnung in Zhukowka. Die damals 87-jährige Irina Antonowna saß in ihrem Sessel und erzählte von morgens bis abends in einem kaum zu unterbrechenden Redefluss von ihrem Leben und dem Leben mit Dmitri Schostakowitsch. Das Ergebnis, ob nun als Film oder als Buch, ist ein einzigartiges Zeitdokument, das das Leben zweier sich liebender Menschen in von Krieg und politischer Repressalien verdüsterten Zeiten erhellt.

Einfühlsam umrahmt wurde die Buchvorstellung von Onutė Gražinytė, die mit den „Aphorismen für Klavier“ op. 13 ein frühes, avantgardistisches Werk des Komponisten interpretierte, das nach dem Zeugnis seines Freundes Krzysztof Meyer, bereits den gesamten Schostakowitsch enthält. Die zahlreichen, im Anschluss bereitgelegten und von Elena Yakovich signierten Exemplare ihres Buches, waren im Nu ausverkauft.

Karlheinz Schiedel


Unser Mitglied, der Schweizer Autor und Schostakowitsch-Experte Jakob Knaus, hat uns eine Rezension des Buches zur Verfügung gestellt:

Notwendige Präzisierungen

Um den 50. Todestag des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch hat sich das weltweite Interesse in den Musikprogrammen deutlich abgezeichnet. Die Online-Angebote mit seiner Musik, ergänzt mit Kurzkommentaren, waren beinahe inflationär. Auf dem Buchmarkt hat sich dies kaum ausgewirkt. Ein schmaler Band aber weckt das Interesse am letzten Abschnitt von Schostakowitschs Leben, der wohl am geringfügigsten dokumentiert ist. Seine dritte Gattin, Irina Antonowna, die 28 Jahre jünger war als er, hat die letzten 13 Jahre seines Lebens begleitet. Sie ist noch heute mit 91 Jahren mit seinem Nachlass beschäftigt. Deshalb lohnt es sich, diese von der russischen Journalistin Elena Yakovich im Jahr 2021 geführten Gespräche mit ihr zu lesen, die auch die Vorgeschichte in wenigen Abschnitten berührt. 

Irina war drei Jahre alt, als ihr Vater von Stalins Schergen verhaftet und zu acht Jahre Gefängnis verurteilt wurde. Im gleichen Jahr starb ihre Mutter. Eindrücklich sind ihre Schilderungen der Kinderzeit im blockierten Leningrad, das mehr als zwei Jahre lang belagert war. Dass sie als siebenjähriges Waisenkind ins gleiche Haus kam, in dem der Komponist Schostakowitsch wohnte, war ein merkwürdiger Zufall, der sich duplizierte, als sie zwanzig Jahre später als Literaturredaktorin beim Verlag Sowjetischer Komponisten Librettotexte redigierte und an Sitzungen teilnahm, wo Schostakowitsch auch anwesend war. Dann erhielt sie den Auftrag, den Text zu dessen Operette «Moskau Tscherjomuschki» (op. 105, 1958) zu redigieren und allenfalls zu korrigieren. Wie es 1962 zur Heirat kam, erzählt Irina zurückhaltend, ohne irgendwelche Romantisierung. Für sie war es eigentlich eine recht realistische, unpoetisch fachorientierte Annäherung, deren emotionale Seite ihr erst nach und nach bewusst wurde. Sie erlebte mit ihm einige Uraufführungen und damit auch die Schwierigkeiten bei der 13. Sinfonie «Babi Jar». Denn das «Tauwetter», die Zeit von Chruschtschows Entstalinisierungswelle war am Verebben und endete schon 1964 mit seiner Entmachtung. 

Die elf Jahre bis zu Schostakowitschs Tod standen erneut unter der stalin-ähnlichen Repression von Breschnew. Irina war ihm nun eine geduldige und unkomplizierte Hilfe in seinem durch Herzinfarkte und Stürze beeinträchtigten Alltag, der dennoch mit öffentlichen Ämtern, Reisen und Auftritten belastet war. Manche Ereignisse, die man aus der Fachliteratur kennt, erhalten durch ihre Aussagen notwendige Präzisierungen – etwa die gefälschte Unterschrift unter den offenen Brief der Gegner Sacharows. Sie stellt sich aber nie in den Vordergrund, bleibt bescheiden und setzt sich nach Dmitris Tod im August 1975 intensiv für die Ordnung des Nachlasses ein und für die Schaffung einer Gesamtausgabe seiner Werke.

Jakob Knaus

Elena Yakovich: Zu Zweit – Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch

Jaron-Verlag Berlin 2025, 155 Seiten mit zahlreichen Fotos, ISBN 978-3-89773-185-1



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