Schon das Sonderkonzert am Vorabend des Festivals, bei dem seit einigen Jahren großformatige Werke Schostakowitschs von der Sächsischen Staatskapelle aufgeführt werden, ließ aufhorchen. Diesmal am Pult: der designierten Chefdirigenten des Orchestre National de France, Philippe Jordan. Nach der 10. Sinfonie, die gemeinhin als Abrechnung des Komponisten mit dem Stalin-Regime verstanden wird, gab es wahre Jubelstürme im Dresdner Kulturpalast. Zuvor verzauberte Isabelle Faust ihr Publikum mit einer einfühlsamen, wenn erforderlich aber auch zupackenden Interpretation von Schostakowitschs zweiten Violinkonzert. Erfreulich, dass dieses 1967 entstandene Spätwerk des Komponisten, das lange Zeit etwas im Schatten seines ersten Violinkonzert stand, zuletzt häufiger zu hören ist. Wie beispielsweise am 13. März 2025 im Konzertsaal des Kennedy-Centers in Washington, wo sich Trump-Vize J.D. Vance lautstarke Unmutsäußerungen aufgebrachter Besucher:innen anhören musste, als er in der Ehrenloge Platz nahm. Ein denkwürdiger Vorgang, der den Ruf des großen Russen, eben auch ein eminent politischer Komponist zu sein, dessen Werken oft ein gerüttelt Maß an Widerständigkeit innewohnt, einmal mehr eindrucksvoll bestätigte.
Letzteres lässt sich von Arvo Pärt nur bedingt behaupten, mit dessen „Cantus in Memory of Benjamin Britten“ für Streichorchester und eine Glocke die Staatskappelle ihr Konzert am Sonntagmorgen im von der Sonne fast schon zu arg verwöhnten Gohrisch eröffnete. Diesmal am Pult: Ingo Metzmacher, der seinen gefeierten Einstand in der Konzertscheune gab, sich aber schon die Tage zuvor als Zuhörer unters Publikum mischte. Mit dem tiefmeditativen Stück des Esten würdigte Gohrisch den 50. Todestag des britischen Komponisten Benjamin Britten, dem Schostakowitsch freundschaftlich verbunden war und dem er seine 14. Sinfonie widmete. In eine völlig andere Welt von Trauer und Gedenken taucht Mieczysław Weinbergs 1960 entstandene Sinfonietta Nr. 2 für Streichorchester und Pauken op. 74 ein, die den ebenfalls eng mit Schostakowitsch befreundeten polnisch-russischen Komponisten auf dem Höhepunkt seines Schaffens zeigt. Der in Warschau geborene Weinberg musste 1939 kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen wegen seiner jüdischen Herkunft nach Russland fliehen. Fast seine gesamte Familie wurde im Holocaust ermordet. Die Ungewissheit über das Schicksal seiner Angehörigen lastete schwer auf den sensiblen Künstler und er selbst sah sich im stalinistischen Sowjetstaat nach Kriegsende antisemitischer und politischer Verfolgung ausgesetzt. Schicksalsschläge, die in vielen seiner Kompositionen ihren Widerhall finden. Auch in der in Gohrisch aufgeführten Sinfonietta, die nach lebhaft-tänzerischen Beginn über einen ergreifenden Klagegesang in ein Finale führt, das zwischen einkehrender Ruhe und tiefer Erschöpfung oszilliert. Standing Ovations.
Nach der Pause dann die lang erwartete deutsche Erstaufführung von Krzysztof Meyers Bearbeitung von Dmitri Schostakowitschs bisweilen als schwer zugänglich etikettierter Violinsonate. Dass diese Zuordnung durchaus unzutreffend ist, wird in der Bearbeitung seines Freundes und späteren Biographen (sowie Ehrenpräsidenten der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft) überdeutlich. Im wieder überaus informativ und aufwändig gestalteten Programmheft schreibt einer der einflussreichsten polnischen Komponisten der Gegenwart: „Es handelt sich um ein beeindruckendes Werk von großer Ideenfülle, das eine Reihe neuer Elemente in seinem Schaffen enthält und gerade deshalb so faszinierend ist. (…) es eröffnet sich erneut die faszinierende Klangwelt Schostakowitschs, die einmal mehr die außergewöhnliche klangliche Vorstellungskraft dieses Komponisten bestätigt.“ Dies in seiner Bearbeitung für Orchester weiter akzentuiert zu haben, ist eine bemerkenswerte künstlerische Leistung Krzysztof Meyers und – man kann es nicht anders sagen – ein echter Freundschaftsdienst. Völlig verdient, dass er am Ende dieses denkwürdigen Konzerts mehrfach auf die Bühne gerufen und vom Premierenpublikum beinahe schon frenetisch gefeiert wurde.
Ein ganzer Strauß an Schostakowitsch-Bearbeitungen wurde bereits beim Eröffnungskonzert am Donnerstagabend von Gidon Kremers Kremerata Baltica präsentiert. Hier stand zunächst die Symbiose zweier Fassungen seines 1960 in Gohrisch komponierten Streichquartetts Nr. 8 op. 110 für Streichorchester und Pauken auf dem Programm. Hochemotionale, die schicksalhaften (Un-)Tiefen menschlicher Existenz auslotende Musik, die schließlich morendo wie im Nichts verklingt. Fast schon wie berührender Seelentrost mutete die sich daran attacca anschließende Meditation für Violine und Streichorchester „Einsamer Engel“ von Pëteris Vasks an, mit größter Innerlichkeit dargeboten von der Solistin Vineta Sareika. Eine nachgerade genialer Programmidee, die Schostakowitschs Daseinsklage keineswegs verwässert, sondern auf wundervoll tröstende Weise vermenschlicht. Schöntönerei hatte Schostakowitsch gewiss nicht im Sinn, als er 1974, ein Jahr vor seinem Tod, seine „Vier Gedichte des Hauptmanns Lebjadkin für Bass und Klavier“ op. 146 komponierte. Im Gegenteil. Diese Lieder sollen gewollt unbeholfen, nahezu hässlich klingen. Und so den bedrohlichen Nihilismus eines selbstgefälligen Möchtegernrevolutzers aus Dostojewskis Roman „Die Dämonen“ bloßstellen. Ob das auch ohne Text funktioniert? Yevgeniy Sharlat hat es in seinem Arrangement der „Lebjadkin-Verse“ versucht und die Bassstimme durch die Violine ersetzt. Gidon Kremer zelebrierte das Ergebnis genüsslich konsequent schrägtönend. Bisweilen drängte sich beim Zuhören allerdings das Gefühl satirischer Überspitzung auf, was der eigentlichen Werkidee eher zuwiderlaufen dürfte. In angenehmere musikalische Welten entführten die Kremerata-Musiker:innen dann mit fünf Stücken aus Schostakowitschs Suiten für Jazzorchester Nr. 1 und 2, darunter der unvermeidliche Publikumsliebling „Walzer Nr. 2“. Mit Jazz im landläufigen Sinne hat das alles natürlich wenig zu tun, es zeigt Schostakowitsch allerdings auch als Meister der leichteren Muse, der das Publikum bisweilen sogar ein wenig zum schwelgerischen Träumen animieren kann. Durch die Zugabe von „Défilé Z“, mit dem der russische Pianist und Komponist Mikhail Pletnev gegen Putins Ukraine-Angriffskrieg protestiert, wurde es dann aber jäh in die ebenso blutige wie menschenfeindliche Wirklichkeit zurückgeholt.
Letztere brach sich auch im Kammerabend mit dem großartigen Quatuor Danel Bahn. Zumindest bei Schostakowitschs Streichquartett Nr. 4, op. 83 und Mieczysław Weinbergs Streichquartett Nr. 6, op. 35, beides Werke, die kurz oder wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und das Schicksal des jüdischen Volkes, den Holocaust während der Hitler-Barbarei, sowie die antisemitische Verfolgung in der Sowjetunion und anderswo gleichermaßen beklagen. Wie ferner Widerhall aus „normaleren“, „menschenfreundlicheren“ Zeiten mutete da die Wiedergabe des Streichquartetts a-Moll op. 13 von Felix Mendelsohn Bartholdy an, in dem der gerade mal 18-jährige Verlusterfahrungen (der Tod Beethovens und eine unerwiderte Jugendliebe) kompositorisch verarbeitete.
Glücksgefühle einer Weltklassepianistin
Eine gewichtige Rolle kam dem Quatuor Danel auch bei der im Programmheft völlig zurecht mit „Gipfeltreffen“ apostrophierten Verleihung des diesjährigen Internationalen Schostakowitsch Preises Gohrisch an die Weltklassepianistin Elisabeth Leonskaja zu. Tobias Niederschlag würdigte Leonskaja in seiner Laudatio als „wissende Schostakowitsch-Interpretin“, als eine „der immer weniger werdenden Zeitzeuginnen, die ihre Liebe zu diesem – und vielen anderen – Komponisten mit äußerster Demut und Hingabe weitergeben“. Die gefeierte Weltklassepianistin bedankte sich für die Auszeichnung und meinte bescheiden, dass sie nach ihrem Gefühl den Preis gar nicht verdient hätte. Dieser käme doch eher den Musikern des Quatuor Danel zu. Worauf Tobias Niederschlag entgegnete, dass diese als Preisträger 2027 bereits feststünden. Leonskaya sagte, es sei beglückend, dass sie als junge Musikerin dem Genie Schostakowitsch noch persönlich begegnete sei: „…, dass wir mit diesen vieldeutenden Texten immer wieder zu tun haben und dadurch ein Zeitgefühl, ein Gefühl für die Menschheit und für die Menschen damals bekommen (…) das ist das Wichtigste für uns Musiker und das Beglückende. Und darüber bin ich froh.“ Umrahmt wurde die kurze Zeremonie mit zwei Schwergewichten der Kammermusikliteratur: Robert Schuhmanns Klavierquintett op.44 und Dmitri Schostakowitschs Klavierquintett op. 57, die Elisabeth Leonskaya und das Quatuor Danel in allerbester Spiellaune zeigten. Das Publikum war begeistert und danke es ihnen mit fast schon frenetischem Beifall.
Keine drei Stunden später saß die russische Ausnahmepianistin erneut vor den Tasten des Steinway-Flügels. Auf dem Notenpult diesmal mit Dmitri Schostakowitschs 1943 komponierter Klaviersonate Nr. 2 op. 61, eine spieltechnisch, wie auch interpretatorische Herausforderung ohnegleichen. Elisabeth Leonskaya meisterte die vertrackten Allegrettoläufe des Kopfsatzes mit bewundernswerter Souveränität, gab den zwischen träumerischer Innigkeit und frostigen Innehalten mäandernden Mittelsatz eine emotionale Intimität, die buchstäblich unter die Haut ging und gestaltete schließlich den finalen Variationensatz mit einer Intensität, dass er wie ein gar nicht mal so fernes Echo einer Zeit wirkte, in der menschliche Hybris und mörderischer Fanatismus Abermillionen in den Tod trieb. Am Ende respektvolle Stille und Anspannung, die sich erst durch den aufbrausenden Beifall und zahllose Bravo!-Rufe auflöste. Fast schon wie ein emotionales Zur-Ruhe-Kommen wirkten die nach der Pause dargebotenen Streichoktette von Schostakowitsch und Mendelsohn-Bartholdy. Absolut staunenswert das perfekt aufeinander abgestimmte Zusammenspiel des jungen Ensembles mit Vadim Gluzmann, Madara Pētersone, Susanne Branny und Marija Strapcāne (Violine), Nils Mönkemeyer und Marcello Enna (Viola) sowie Sebastian Fritsch und Magdalēna Ceple (Violoncello).
Einige der zuletzt genannten Musiker:innen waren auch in den beiden hier noch fehlenden Konzerten eines Festivals zu hören, dessen kluge Konzeption einmal mehr dramaturgische Maßstäbe setzte. Die Kammermatinee am Samstag stand ganz im Zeichen der Neuentdeckung eines Komponisten, der zuvor wohl den wenigsten Musikfreunden auch nur namentlich bekannt gewesen sein dürfte. Der schicksalshafte Lebenslauf Lew Abeliowitschs ähnelt fast schon frappierend, dem seines lebenslangen Freundes und Leidensgenossen Mieczysław Weinberg. Beide waren polnisch-jüdischer Herkunft, studierten gemeinsam am Warschauer Konservatorium, flohen 1939 vor dem Holocaust in die Sowjetunion, verloren ihre Familienangehörigen entweder im Warschauer Ghetto oder in deutschen Vernichtungslagern und freundeten sich in Russland mit Dmitri Schostakowitsch an. Zu Beginn der „antisemitischen Säuberungen“ Stalins zog sich Abeliowitsch nach Minsk zurück, wo er den Rest seines Lebens blieb und zu einer zentralen Figur des belarussischen Musiklebens wurde. Im Westen bliebe er allerdings so gut wie unbekannt. Völlig zu Unrecht, wie drei in Europäischer Erstaufführung in Gohrisch dargebotenen Werke Abeliowitsch eindrucksvoll unter Beweis stellten. So die 1973 entstandene, hochkontemplative Aria für Viola und Klavier (umwerfend: Nils Mönkemeyer), die ein Jahr später komponierte fulminante Klaviersonate Nr. 2 (ebenso umwerfend: Rostislaw Krimer, der sich als Pianist und Dirigent um die Pflege des musikalischen Vermächtnisses Abeliowitschs verdient macht) und schließlich das grandiose Klaviertrio aus dem Jahr 1955, das im kammermusikalischen Schafen Abeliowitschs eine Sonderstellung einnimmt, weil es – wie Krimer im Programm schreibt – „das Tragische (…) mit einem Gefühl menschlicher Wärme, lyrischer Zerbrechlichkeit und inneren Lichts verbindet“. Entsprechend beseelt vermitteln Rostislaw Krimer, Elli Choi (Violine) und Friedrich Thiele (Violoncello) das überaus effektvolle Werk.
Vielleicht lassen sich Krimers Zuschreibungen auf das Wesen jüdischer Musik insgesamt übertragen. Beim Abschlusskonzert am Sonntagnachmittag wurde sie noch einmal explizit in den Fokus gerückt. Bei Sergej Prokofjews eingängiger „Ouvertüre über hebräische Themen für Klarinette, Streichquartett und Klavier“ op. 34, trat noch das tänzerische Element hinzu. Zu einigen bereits genannten Solisten gesellten sich Paul Moosbrugger (Klarinette), Elea Nick (Violine) und Onutė Gražinytė (Klavier) hinzu. Letztere interpretierte gemeinsam mit Rostislaw Krimer auch Erwin Schulhoffs „Ironien“ für Klavier zu vier Händen. Hier wurde mit dem Grotesken ein weiteres Charakteristikum jüdischen Musizierens imaginiert. Zuvor erklang mit Gustav Mahlers frühem Klavierquartett a-Moll, das einzige, leider nur fragmentarisch erhaltene Kammermusikwerk des großen Sinfonikers. Krönender Abschluss der 17. Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch war dann die Aufführung seines 1948 entstandenen Liedzyklus „Aus jiddischer Volkspoesie“ op. 79. Sarah Gilford (Sopran), Hagar Sharvit (Mezzosopran), Lukas Schmidt (Tenor) und Onutė Gražinytė (Klavier) interpretierten dieses Schlüsselwerk hochemotional und tief berührend. Und würdigten damit einen Komponisten, dessen mitfühlende Humanität, dessen Verletzlichkeit und Mut auch heute noch Staunen macht. Und die ungebrochene Aktualität und Bedeutsamkeit seiner Musik erklärt.
Die 18. Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch finden vom 24. bis 27. Juni 2027 statt und werden durch ein Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle unter der Leitung von Maxim Emelyanychev und unter Mitwirkung von Magdalena Kožená eingeläutet.
Im Vorfeld wird es in Dresden das musikwissenschaftliche Symposion der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft geben, in Kooperation mit den Internationalen Schostakowitsch Tagen und der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, vom 22. bis 24. Juni 2027, mit dem Oberthema „Schostakowitsch im geteilten Deutschland“.

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