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Dimitri Schostakowitsch – Biografische
Notizen
Schostakowitsch entstammte einer polnischen Familie mit reicher revolutionärer
Tradition. Die Vorfahren waren schon 1831 am polnischen Aufstand gegen
Rußland beteiligt gewesen, erlebten Verfolgung und Verbannung. Der
Vater kam aus dem sibirischen Exil nach St. Petersburg, um Mathematik
und Physik zu studieren, die Mutter bildete sich dort am Konservatorium
zur Pianistin aus. Sie bringt dem kleinen Dimitri, der am 25. September
1906 geboren wird, die Anfangsgründe des Klavierspiels bei. Der entwickelt
sich musikalisch rasch und beginnt mit 9 Jahren auch schon zu komponieren,
Stücke, die unter dem Eindruck von Krieg und Revolution stehen. Mit
13 kann er bereits ins Konservatorium aufgenommen werden, wo er Klavier
bei Alexandra Rosanowa und Leonid Nikolajew sowie Komposition bei dem
Rimski-Korsakow-Schüler Maximilian Steinberg studiert.
1922 stirbt der Vater; Dimitri sucht als Stummfilmpianist die Familie
mit zu ernähren, eine Tätigkeit, die fraglos die Wurzeln legt
für Schostakowitschs reiches Filmmusik-Schaffen. Sein Kompositionsstudium
absolviert er mit seiner I. Symphonie, die am 12. Mai 1926 von der Leningrader
Philharmonie unter Nikolaj Malko uraufgeführt wird und den 20jährigen
Schostakowitsch schlagartig international bekannt macht: Bruno Walter
dirigiert das Werk alsbald in Berlin, es gelangt auch in die USA.
Schostakowitsch hält sich zur avantgardistischen „Assoziation
für zeitgenössische Musik“, schließt viele internationale
Bekanntschaften, etwa mit Milhaud und Hindemith, schreibt als op. 12 und
13 zwei überaus kühne und radikale Klavierwerke, die 1. Sonate
und Aphorismen, die die knappe Schreibweise eines Anton Webern vorausnehmen.
Zum 10. Jahrestag der Revolution komponiert er seine II. Symphonie, in
der es schon vielstimmige Klangflächenkomposition gibt. Seine Oper
„Die Nase“ nach Gogol, völlig atonal, enthält geräuschhafte
punktuelle Strukturen und den ersten reinen Schlagzeugsatz der Musikgeschichte.
Schostakowitsch schreibt erste Filmmusiken und kommt in Kontakt mit
dem Meyerhold-Theater. „Das goldene Zeitalter“ von 1929/30
und „Der Bolzen“ von 1930/31 sind Ballette von ganz neuer,
sowjetischer Ästhetik.
Mit der Oper „Lady Macbeth aus dem Mzensker Kreis“ nach
Leskow findet Schostakowitsch bereits zu einer Art neuem Klassizismus.
Sie geht mit grandiosem Erfolg um die Welt, bis Stalin sie erlebt, sich
an ihrer erotischen Drastik stößt und in der „Prawda“
einen Artikel „Chaos statt Musik“ initiiert, der Schostakowitsch
in Todesängste stürzt. Er zieht seine IV. Symphonie zurück
und antwortet auf die Kritik mit seiner V. Symphonie, die ihn einigermaßen
rehabilitiert. Für sein Klavierquintett von 1940 erhält er den
Stalinpreis.
1941 entsteht während der Leningrader Blockade durch die deutsche
Wehrmacht die VII. Symphonie, die als Ausdruck des heldenhaften Widerstands
gegen den Feind gewertet wird und rasch ins Ausland gelangt. Nach dem
Sieg der Roten Armee düpiert Schostakowitsch die Machthaber mit seiner
IX. Symphonie, die mit ihrem Haydnschen Tonfall die Hoffnungen auf ein
pompöses Triumphwerk enttäuscht.
1947 erhält er eine Professur am Leningrader Konservatorium, wird
1948 jedoch Zielscheibe eines Beschlusses des ZK der KPdSU, der ihm zusammen
mit anderen Prominenten Komponisten „Formalismus“ vorwirft
- eine Wiederaufnahme der Kritik von 1936, die ihn seine Professur kostet
und ihn in wirtschaftliche Not stürzt. Ein Zyklus „Aus jüdischer
Volkspoesie“ bleibt unaufgeführt wegen einer einsetzenden antisemitischen
Kampagne. Gleichzeitig erhält Schostakowitsch den Stalinpreis für
seine Filmmusik „Der Fall von Berlin“ und das „Lied
von den Wäldern“, das in faßlicher Tonsprache die sowjetische
Aufforstungspolitik preist.
1950 ist er zum 200. Todestag von Johann Sebastian Bach in Leipzig und
wird zu seinen „24 Präludien und Fugen“ für Klavier
angeregt. Der Tod Stalins am 5. März 1953 leitet eine vorübergehende
„Tauwetter“-Periode ein, in der unterdrückte Werke ans
Tageslicht kommen können
Schostakowitsch setzt sein symphonisches Schaffen fort, schreibt aber
auch Konzerte für Violine und Violoncello und Kammermusik, vor allem
Streichquartette, mit deren Komposition er erst spät begonnen hatte.
Er bringt es auf 15 Exemplare der Gattung; ebenso viele Symphonien hat
er geschaffen.
Auch das Lied findet in den späten Jahren mehr und mehr Beachtung
und erlebt zuletzt eine überaus dichte Produktion. Die avantgardistischen
Werke der Frühzeit erfahren allmählich ihre Wiederaufführung;
zumal „Die Nase“, die seinerzeit rasch abgesetzt worden war,
feiert Triumphe.
Die letzten Werke des schwerkranken Komponisten haben verstärkt
den Tod zum Thema, so die XIV. Symphonie und die Michelangelo-Lieder.
Am 9. August 1975 stirbt Schostakowitsch, der lange schon an den verschiedensten
Leiden laboriert hatte.
Sein Land feiert ihn nun als „parteitreuen Staatskomponisten“,
und so sieht ihn auch die übrige Welt, bis Ende der siebziger Jahre
unter dem Titel „Zeugenaussage“ Gespräche Schostakowitschs
erscheinen, die der Emigrant Solomon Volkow nach seinen Angaben geführt,
aufgezeichnet und in den Westen geschmuggelt hatte. Sie zeigen einen Schostakowitsch,
der offen mit den Machthabern und Zeitgenossen ins Gericht geht und die
Stalindiktatur beklagt. Von sowjetischer Seite wird das Buch umgehend
als Fälschung deklariert, inzwischen aber auch von russischer Seite
fast einhellig als authentisch angesehen. Es entsteht nun die Tendenz,
umgekehrt den „staatstreuen“ Komponisten als Dissidenten zu
sehen – eine Kennmarke, die Schostakowitsch weit von sich gewiesen
hätte. Man muß davon ausgehen, daß sich bei ihm Loyalität
gegenüber den Herrschenden und Kritik an ihnen nicht ausschließen.
Erhellender als die von ihm überlieferten Äußerungen,
die vielfach gar nicht von ihm verfaßt oder erzwungen sind, ist
seine Musik, deren Aussage sorgfältig zu analysieren ist, nicht eindimensional
gesehen werden darf, sondern in ihrer ganzen Vielschichtigkeit erfaßt
werden muß. |