18.09.2011 Trauer um unseren Ehrenmitglied Kurt Sanderling

 

Kurt Sanderling zum Gedenken

Wer den Dirigenten in Rundfunk- oder persönlichen Gesprächen gegenüber saß, der erinnert sich der klaren Aussage, der lebendigen Darstellung und der detaillierten Kenntnisse über Künstler, über Dirigenten, denen er begegnete und natürlich über die Musik, solche des 19.Jahrhunderts wie Brahms, Bruckner, Mahler sowie die seines persönlich verbundenen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Vieles konnte er erzählen und unmittelbare Eindrücke vermitteln.

Sein Lebensweg führte ihn aus Arys in Ostpreußen nach Berlin, wo er die Schule besuchte, studierte, 1931 an der Charlottenburger Oper als Korrepetitor wirkte, Furtwängler oder Kleiber erlebte. Als Jude wurde er 1935 aus dem Deutschen Reich ausgewiesen, entwickelte sich als Dirigent im sowjetischen Russland, erst am Moskauer Rundfunk, dann in Charkow und ab 1942 an der traditionsreichen Leningrader Philharmonie. In der Newastadt lernte er Schostakowitsch auch persönlich kennen. Manches aus diesen Begegnungen vermittelte er uns in Gesprächen und Rundfunksendungen. Leider gibt es keine zusammenfassende Darstellung, aber bei Einführungen zu den Sinfonien wurde manches bekannt.

Von 1942 bis 1959 lebte er in Leningrad, überlebte den Krieg und die Verfolgungen. 1960 wurde er nach Berlin berufen, um das neu gegründete Berliner Sinfonieorchester (BSO) aufzubauen, was er (bis auf drei Jahre bei der Dresdner Staatskapelle) bis 1977 leitete. Seine Interpretationen waren Erlebnisse, zum Teil auch auf Schallplatten nachvollziehbar. Unvergesslich aber bleiben die persönlichen Gespräche.

Für seinen Einsatz um das Werk Schostakowitschs wurde er (neben vielen Ehrungen in aller Welt) zu den Schostakowitschtagen im sächsischen Gohrisch, dem Ort der Entstehung des 8. Streichquartetts, mit dem Preis zu Ehren des Komponisten ausgezeichnet. Die Deutsche Schostakowitsch-Gesellschaft ernannte ihn 2010 zu ihrem Ehrenmitglied.

Einen Tag vor seinem 99.Geburtstag starb er am 18.September in seinem Heim in Berlin-Pankow. Die Welt trauert um einen Dirigenten, der nicht nur die Romantik des 19.Jahrhunderts im Konzertsaal lebendig werden ließ (sein letztes Dirigat 2002 galt Schumanns 4.Sinfonie), sondern auch die Sinfonik Schostakowitschs, in dessen Klangwelt und biographischen Hintergründe er beste persönliche Erfahrungen einbringen konnte.

Dr.habil. Friedbert Streller

Auf dem Foto: Kurt Sanderling (u.) mit Krzysztof Meyer