Kurt Sanderling zum Gedenken
Wer den Dirigenten in Rundfunk- oder persönlichen Gesprächen
gegenüber saß, der erinnert sich der klaren Aussage, der lebendigen
Darstellung und der detaillierten Kenntnisse über Künstler,
über Dirigenten, denen er begegnete und natürlich über
die Musik, solche des 19.Jahrhunderts wie Brahms, Bruckner, Mahler sowie
die seines persönlich verbundenen Komponisten Dmitri Schostakowitsch.
Vieles konnte er erzählen und unmittelbare Eindrücke vermitteln.
Sein Lebensweg führte ihn aus Arys in Ostpreußen nach Berlin,
wo er die Schule besuchte, studierte, 1931 an der Charlottenburger Oper
als Korrepetitor wirkte, Furtwängler oder Kleiber erlebte. Als Jude
wurde er 1935 aus dem Deutschen Reich ausgewiesen, entwickelte sich als
Dirigent im sowjetischen Russland, erst am Moskauer Rundfunk, dann in
Charkow und ab 1942 an der traditionsreichen Leningrader Philharmonie.
In der Newastadt lernte er Schostakowitsch auch persönlich kennen.
Manches aus diesen Begegnungen vermittelte er uns in Gesprächen und
Rundfunksendungen. Leider gibt es keine zusammenfassende Darstellung,
aber bei Einführungen zu den Sinfonien wurde manches bekannt.
Von 1942 bis 1959 lebte er in Leningrad, überlebte den Krieg und
die Verfolgungen. 1960 wurde er nach Berlin berufen, um das neu gegründete
Berliner Sinfonieorchester (BSO) aufzubauen, was er (bis auf drei Jahre
bei der Dresdner Staatskapelle) bis 1977 leitete. Seine Interpretationen
waren Erlebnisse, zum Teil auch auf Schallplatten nachvollziehbar. Unvergesslich
aber bleiben die persönlichen Gespräche.
Für seinen Einsatz um das Werk Schostakowitschs wurde er (neben
vielen Ehrungen in aller Welt) zu den Schostakowitschtagen im sächsischen
Gohrisch, dem Ort der Entstehung des 8. Streichquartetts, mit dem Preis
zu Ehren des Komponisten ausgezeichnet. Die Deutsche Schostakowitsch-Gesellschaft
ernannte ihn 2010 zu ihrem Ehrenmitglied.
Einen Tag vor seinem 99.Geburtstag starb er am 18.September in seinem
Heim in Berlin-Pankow. Die Welt trauert um einen Dirigenten, der nicht
nur die Romantik des 19.Jahrhunderts im Konzertsaal lebendig werden ließ
(sein letztes Dirigat 2002 galt Schumanns 4.Sinfonie), sondern auch die
Sinfonik Schostakowitschs, in dessen Klangwelt und biographischen Hintergründe
er beste persönliche Erfahrungen einbringen konnte.
Dr.habil. Friedbert Streller
Auf dem Foto: Kurt Sanderling (u.) mit Krzysztof Meyer
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