Am 29.06.2011 haben Marc Danel, Violine, und
Mirjana Rajic, Klavier, in Deutschland fürs erste Mal aber inoffiziell
die Unvollendete Sonate für Violine und Klavier (1945) von Schostakowitsch
aufgeführt.
Das Konzert fand im Rahmen des Musiksommers im Stiftstheater des Heidelberger
Augustinums
in Kooperation mit der Gesellschaft der Musik- und Kunstfreunde Heidelberg
e.V. unter dem Motto "Musikalische Zeitreise von 1775 bis 1960"
statt.
Auf dem Programm standen:
- J. S. Bach, Sonate in g-Moll für Violine solo
- L. van Beethoven, "Frühlingssonate" in F-Dur op. 24 für
Klavier und Violine
- M. Weinberg, Sonate Nr. 4 für Violine und Klavier
- F. Liszt, Venezia und Napoli, aus Années de Pélerinage
2. Jahr
Als Zugaben spielten Rajic und Danel:
- Schostakowitsch, Unvollendete Sonate für Violine und Klavier
- Tschaikowsky, Melodie, Fassung für Violine und Klavier. Das Publikum
hat die zwei wunderbaren Musiker frenetisch applaudiert und die Unvollendete
Sonate mit Begeisterung entdeckt.
Zur Schostakowitschs Unvollendeten Sonate für Violine und Klavier
(1945):
„ Am 26. Juni 1945 fing Schostakowitsch an, ein neues Werk zu
komponieren.
Er schrieb Skizzen nieder, und die Reinschrift der ersten 225 Takte: eine
Doppelexposition in Sonatenhauptsatzform. Auf der ersten Seite des Manuskripts
hat Schostakowitsch „I“ geschrieben. So bezifferte er immer
seine großen Instrumentalwerke: Symphonien, Konzerte, Quartette
und Sonaten. Dieses neue Werk hätte die Violinsonate werden sollen.
Es war ein monumentales Projekt. Zum Vergleich: der erste Satz der im
selben Jahr komponierten 9. Symphonie besteht lediglich aus 250 Takten.
Die Doppelexposition der Unvollendeten Sonate ist nach dem Modell der
ersten Sätze der klassischen Sonaten und Konzerte konstruiert. Sie
basiert auf ein einfaches Prinzip: zuerst werden die zwei Hauptthemen
von der Violine dargestellt, danach werden diese Themen vom Klavier übernommen,
während die Violine die Begleitung spielt. Die Themen der Exposition
erzeugen eine sehr expressive Kontrast-Stimmung, die durch den Kontrast
der sehr entfernten Tonarten betont wird: g-Moll fürs erste Thema
und E-Dur fürs zweite.
Alfred Schnittke, wem ich dieses Manuskript Mitte der 80er Jahre gezeigt
habe, in der Hoffnung er würde diese Partitur vollenden, hat mir
geantwortet, daß eine dermaßen große Exposition mit
Konfrontierung von solch entfernten tonalen Sphären seiner Meinung
nach ein enormes Werk verlangen würde, dessen Dimensionen weit über
die Gattung der Kammermusik und über den Charakter der Sonate hinausragen
würden. Er nahm an, daß es der Grund war, warum Schostakowitsch
dieses Werk aufgegeben hatte.
Tatsache ist, daß das am 26. Juni angefangene Werk im Sommer 1945
nicht fortgesetzt wurde.
Das Manuskript endet abrupt. Diese Sonate bleibt unvollendet.
Dennoch haben die damaligen musikalischen Ideen Spuren hinterlassen. Mehrere
Jahre später bei der Komposition seiner 10. Symphonie hat Schostakowitsch
im ersten Satz die zwei Hauptthemen der Unvollendeten Sonate benutzt.
Das zweite Thema wird sogar unverändert in der Symphonie zitiert,
wo es seine Tonart, seine Dynamik, seinen Rhythmus und seinen Walzer-Charakter
beibehält. Die Verwandtschaft zwischen den zwei Themen der Unvollendeten
Sonate und den Themen der Einleitung und dem Hauptthema des ersten Satzes
der 10. Symphonie sind zwar nicht eindeutig aber dennoch erkennbar.
Auf dieser Weise ermöglicht uns die Studie und Kenntnis der Unvollendeten
Sonate einen Einblick in die geheime Werkstatt von Schostakowitsch zu
werfen. „
Manachir Jakubow
Übersetzung A.Salmon
|