Persönliche Erinnerungen
des Primarius des Schmalenberg-Quartetts Berlin und späteren Vorsitzenden
der Schostakowitsch – Gesellschaft
1979 - 1989
1979 erscheinen die Memoiren von Solomon Volkow. Ein
Exemplar einer Taschenbuchausgabe bringt unser damaliger Quartettcellist
Hans Hesse nach einer Konzertreise des Berliner(Ost) Sinfonie- Orchester
illegal nach Hause mit.
Bei der Beschäftigung mit den Schostakowitsch-Streichquartetten
ahnten wir, daß es eine Besonderheit mit seinen Inhalten hatte.
Je tiefer wir in die Materie dieser Musik eindrangen; umso mehr tat sich
ein Widerspruch auf zu den an der Hochschule verkündeten Positionen
und entsprechenden Darstellungen in Büchern und Zeitschriften der
DDR.
Nun begannen wir im privaten Rahmen von „Hausabenden“
das Erlebnis Musik von Schostakowitsch unseren Freunden und Gästen
„mitzuteilen“. Diese Hausabende fanden im Jahr zwei bis dreimal
statt, erweiterten sich nach und nach und bezogen die Nachbarkünste
Literatur, Malerei, Tanz und Chanson, in seinen Abläufen mit ein.
Für alle Beteiligten dieser Abende waren die „Mitternachtsgespräche“,
ein in diesen Privaträumen zustande gekommener Gedankenaustausch,
ein in seiner radikalen Offenheit außergewöhnliches Erlebnis.
Die DDR in ihrer politischen Gestalt nahm gleichfalls an diesen „Hausabenden“
teil, sie erlebte ungefiltert diesen geistig-politischen und künstlerischen
Prozeß der Aufklärung. Der Kreis unserer Mitstreiter, „unserer
Freunde“ und unserer tatsächlichen Freunde wuchs zu einem Kreis
bis zu 60 Personen an.
Niemals kam mir in jener Zeit ein Gedanke, wer in dieser
Runde zu den „Berufs-Freunden“ gehörte. Auch ein mir
vertrauter enger Freund und geschätzter Musiker, entblätterte
sich für mich erst nach der Wende als IM (immerhin wurden über
mich drei stattliche Stasi-Ordner angelegt).
Dennoch!
Aus den Erlebnissen der Musik Schostakowitschs und den Zeugnissen der
„Memoiren“, nahmen wir längere Zeit höchst engagiert
an den „Friedenskreis“- Initiativen in Berlin-Pankow (die
besonders durch das Pfarrerehepaar Misselwitz und der späteren Bundestagsabgeordneten
Vera Lengsfeld geleitet wurden) teil.
Mein Engagement ging so weit, daß ich für den „Friedenskreis“
Pankow die Kurzstreckenraketen SS 20 im Harz auf der Ostseite zählte
(diese waren bei Spaziergängen an den Erdaufschüttungen leicht
zu erkennen) und bei den Friedenskreistreffen darüber berichtete.
Als Musiker und hier besonders als Streichquartett trugen
wir auch die Musik Schostakowitschs in die Räume der Kirche, die
eine künstlerisch zentrale Stellung in den Programmen des „Friedenskreises“
eingenommen hatten. Ein Höhepunkt dieser Zeit war eine Konzertveranstaltung,
die Pfarrer Rainer Eppelmann in Ostberlin leitete; das Publikum war hier
wie überall außerordentlich zahlreich versammelt.
Zunehmend mehr verlagerte sich unser Kammermusikinteresse
auf die Musik Schostakowitschs, was in den Programmen sein Ausdruck fand.
So fand im Jahre 1988 ein Kammerkonzert mit unserem Quartett
und einigen Gesangssolisten im Schloß Friedrichsfelde zu Berlin
statt. Ein sehr schönes Barock-Schloß, das eineinhalb Jahrzehnte
schon eine ständige Spielstätte von uns war. Auf dem Programm
standen als DDR-Erstaufführungen auch Werke von Schostakowitsch.
So das 14. Streichquartett op. 142 und das „Vorwort zur Gesamtausgabe“
op. 123. Letzteres sollte in deutscher Sprache aufgeführt werden.
Der Veranstalter, der zuvor die deutsche Textversion verlangte, konnte
seine Unsicherheit nicht verbergen. Eine Aufführung genehmigte er
nur in russischer Sprache. Beim Vortrag dieses Werkes brach das Publikum,
dem russischen mächtig, dennoch in helles Gelächter aus.
Höhepunkt unseres künstlerischen Schaffens
war das Projekt, alle 15 Streichquartette von Schostakowitsch zyklisch
aufzuführen. Zum Hauptaufführungsort wurde das „Haus der
sowjetischen Kultur und Wissenschaften“ in der Friedrichstraße
in Berlin. Wir verwirklichten dieses Projekt in sechs Konzerten von der
zweiten Hälfte 1988 bis zur ersten Hälfte 1989.
1989 - Wende
Der Tag der Maueröffnung wurde für unser Streichquartett
ein ganz besonderes Ereignis. Sie überraschte uns bei einer unserer
regelmäßigen Quartettproben unverhofft.
Nichts, was in diesem Zusammenhang an lakonischen Mitteilungen zu diesem
Ereignis an unsere Ohren drang, vermochte in klare Gedanken gefaßt
werden. Wir beendeten die Probe, um uns sofort den Meldungen der geöffneten
Grenze in Berlin per Augenschein zu überzeugen.
Auf der Straße war ein Strom von Menschen und Autos, die sich alle
zum Grenzübergang zu bewegten. Die hier beginnenden Ereignisse rissen
alle Menschen in nur eine einzige Richtung. Wie ein gewaltiger Strom wurden
die Menschen erfaßt, ohne daß sich einer entziehen konnte.
Im Dezember 1989 fand ein nächster „Hausabend“
statt, der, um es vorweg zu nehmen, sich zum Gründungsakt der Deutschen
Schostakowitsch Gesellschaft gestalten sollte.
Die Hausabende wuchsen in den Teilnehmern und Besuchern stetig und sichtbar
an. Es erreichte uns u.a. die Anfrage von ca. 10 Professoren der Freien
Universität, am Hausabend als Gäste teilnehmen zu dürfen,
die sich auf Tagesexkursion innerhalb der Berliner Mauer befanden. An
der Spitze dieser Professorengruppe stand der heutige Rektor der Freien
Universität, Prof. Dr. Dieter Lenzen. Er wurde später Mitglied
der SchoG.
Von Beginn an verstanden alle Schostakowitsch- Freunde
einen Zusammenschluß als einen deutsch-deutschen, waren doch die
Teilnehmer schon in der Vorphase nach und nach aus beiden Teilen Berlins
zueinander gekommen.
Nach der Gründung, die in der Klaustaler Straße 2 stattgefunden
hat, ist eine erste Anmeldung dieser Gründung an das Kulturministerium
der DDR ergangen, die auch in sehr kurzer Zeit diese Gründung amtlich
bestätigte und den Gründern ihre Gratulation aussprach. Ein
Glückwunschschreiben traf nach kurzer Zeit auch vom Botschafter der
damaligen UdSSR in Berlin ein.
Mit den Turbulenzen der Wiedervereinigung, insbesondere
auf dem Gebiet des Vereinsrechts, wurde die Anmeldung aus der ehemaligen
DDR für ungültig erklärt, und ein neuer Anmeldungsvorgang
verlangt, um es dem gesamtdeutschen Recht anzupassen. Dieser Vorgang war
unverhältnismäßig lang. Unsere Gesellschaft datiert daher
ihre Gründung in die Zeit der Wende.
Die Schostakowitsch - Gesellschaft nahm sofort ihre wissenschaftliche
Arbeit auf, in Form der Durchführung von dreizehn Symposien, die
ab 1992 im jährlichen Rhythmus, später alle zwei Jahre, durchgeführt
wurden. Besonderes Augenmerk war die Gewinnung von hochkarätigen
in- und ausländischen Musikwissenschaftlern, die sich nachweislich
in den Jahren mit Schostakowitsch auseinandergesetzt haben.
Eine glückliche Verbindung zeigte sich in der Begegnung
mit der jungen Musikakademie in Rheinsberg. Von Anfang an gab es Übereinstimmungen
in den Zielstellungen zwischen der Musikakademie und der Deutschen Schostakowitsch
Gesellschaft.
Die Leiterin der Akademie, Frau Dr. Liedtke, unterstützt
durch ihre Mitarbeiter, waren in allen Jahren zuverlässige Partner
der Gesellschaft.
Als kurz nach Beginn unserer Zusammenarbeit die Landesregierung
in Potsdam die Unterstützung der Gesellschaft durch die Musikakademie
mit dem Hinweis kommentierte, daß die Schostakowitsch-Gesellschaft
doch kein brandenburgisch gebundener Verein, und demzufolge doch nicht
zu fördern sei, wurde ungeachtet dessen die Zusammenarbeit fortgesetzt
und dies bis heute.
Aus Anlaß des 100. Geburtstags des Komponisten
wurde ein „Internationaler Schostakowitsch-Wettbewerb“ für
Violine, Klavier und Streichquartett initiiert und 2006 in Rheinsberg
erfolgreich ausgerichtet.
Ein erkennbares Zeichen schuf sich die SchoG in ihrer Arbeitsweise. Es
war ihr wichtig, begründet durch die Art ihrer Entstehung, eine Gemeinschaft
zu sein, die in ihrem Selbstverständnis von Beginn an auf eine gesamtdeutsche
Vereinigung ausgerichtet war, die einen breiten Konsens von Menschen unter
dem Schirm „Schostakowitsch“ versammelte. Musiker und Musikwissenschaftler,
bildende Künstler, sowie Menschen aus unterschiedlichsten Berufsgebieten,
machten und machen das bunte Erscheinungsbild der Gesellschaft aus, was
zu einem differenzierten Vereinsleben mit manchmal nicht geringer Kraft,
geführt hat.
Ein weiteres Zeichen der deutschen Gesellschaft war ihre
Verbindung ins Ausland.
Deshalb sei es mir erlaubt, der großen St. Petersburger Musikwissenschaftlerin,
Sofia M. Chentowa, ein ehrendes Gedenken auszusprechen. Sie war von Beginn
ihrer Mitgliedschaft in der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft eine
unermüdliche Inspiratorin. Das diesjährige (2009) Symposium
geht in seinem Titel „Der unterhaltende Schostakowitsch“ auf
eine Idee von ihr zurück.
Unsere Gesellschaft würdigte sie mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft.
In den zurückliegenden Jahren hat die SchoG mit
höchst verschiedenster Thematik und dem im September 2009 zu Ende
gegangenen, 14 Symposien veranstaltet.
Die Symposiumsthemen, manchmal brisant, zogen zuweilen
aus größeren Entfernungen Interessierte an. Alle Symposien
wurden je nach Thematik musikalisch und künstlerisch durch Konzerte
begleitet, was eine weitere Besonderheit dieser Gesellschaft ausmachte.
Zusammenarbeit mit Gastensembles, wie dem Philharmonischen Kammerchor
aus Nowosibirsk, dem Donderer – Quartett aus Berlin, dem Ukrainischen
Streichquartett aus Kiew, waren das Schaffrath-Kammerorchester Berlin
und das Schmalenberg-Quartett die künstlerischen Partner dieser Ereignisse.
Von den Gesangssolisten seien hier stellvertretend genannt die Sopranistin
Hannah-Ulrike Seidel, der Bassist Elmar Andree und die Mezzosopranistin
Martina Olbrich.
1992 formierte sich als musikalische Instanz der Schostakowitsch-
Gesellschaft das ENSEMBLE DSCH mit Musikern aus Reihen der Gesellschaft.
Eine neue Betonung, die Musik Schostakowitschs der Jugend
zu vermitteln, gipfelte in der Initiierung durch die Schostakowitsch-
Gesellschaft zur Namensverleihung an eine Berliner Musikschule. Seit 1995
trägt die Musikschule Berlin Hohenschönhausen, heute Lichtenberg,
den Namen Dmitri Schostakowitsch.
Ein Fördersystem in Gestalt der „DSCH- Tage“
war der Rahmen für Schüler, sich mit dem Leben, dem Werk und
Interpretationen im Geiste des Komponisten intensiv zu beschäftigen.
Eine Erweiterung dieses Bildungsprozesses war durch die Kontaktnahme mit
Musikschulpartnern im Ausland entstanden. Austausch und jahrelange Verbindung
wurde mit Dozenten und Schülern aus Rußland und der Ukraine
gepflegt. Manche Freundschaften über weite Entfernungen sind dabei
entstanden.
Wenn wir heute im Abstand auf die Gründungszeit
unserer Gesellschaft zurückblicken, dann wird man unschwer einen
an Ereignissen reichen Weg erkennen können. Richtet man jedoch den
Blick noch ein wenig weiter zurück, also in jene Zeit , als an die
Existenz einer Gesellschaft noch kein Gedanke aufgekommen war, oder wie
im Osten Deutschlands gar nicht aufkommen konnte, dann wird der bisher
zurückgelegte Weg noch bemerkenswerter.
Dieser Weg konnte skizziert werden, - was aber kommt
danach!?
Sind wir nach zwanzig Jahren mit der Thematik Schostakowitsch am Ende?
Ich meine „Nein“!
Die Musikgeschichtswelt hat die großen Linien des
Komponisten D. Schostakowitsch nachgezeichnet.
Eine erstaunliche Fülle an Informationen gilt als gesichert. Viel
Ballast konnte, manchmal auch unter Schmerzen, abgeworfen werden.
Aber über allem - das Wichtigste, ist seine Musik.
Sie lebt, wird weltweit gepflegt und ist zu hören.
Sie wird auch von Menschen gehört, die nur den Walzer Nr.2 kennen.
Die 5. Sinfonie, oder die Michelangelo-Lieder, oder das 8. Streichquartett
werden weltweit geschätzt und tragen den Namen des Komponisten in
die nächsten Zeiten.
Hilmar Schmalenberg
Schönow, 10.08.2009
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